Wenn materieller Erfolg und gesellschaftlicher Status ihre Anziehungskraft verlieren.
In der ersten Lebenshälfte steht für viele Menschen zunächst der Aufbau eines sicheren und erfolgreichen Lebens im Vordergrund. Berufliche Entwicklung, Familie, Eigenheim, Wohlstand und gesellschaftliche Anerkennung vermitteln Orientierung und das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Und tatsächlich sind diese Ziele weder falsch noch oberflächlich. Sie gehören zu den natürlichen Aufgaben und Bedürfnissen des Menschen.
Deshalb sind die ersten zwei Jahrzehnte des Erwachsenenlebens besonders von Aktivitäten und dem Wunsch geprägt, sich etwas aufzubauen. Das eigene Leben wird auf äußere Ziele fokussiert und richtet sich nach dem aus, was man erreicht, besitzt oder gesellschaftlich darstellt. Hat man Erfolg, entsteht daraus ein Gefühl von Identität und Sicherheit.
Doch mit zunehmendem Alter kommt es zu einer Veränderung der Ausrichtung. Was bisher als erstrebenswert galt, verliert langsam einen Teil seiner Anziehungskraft. Der nächste Karriereschritt, mehr Besitz oder ein höherer Status lösen nicht mehr dieselbe Begeisterung aus wie früher. Und manches, was uns lange wichtig erschien, wirkt plötzlich weniger bedeutsam.
Oft tauchen dann Fragen auf, die wir uns noch nie gestellt hatten. Und eine wesentliche Frage, die uns nun immer häufiger beschäftigt, ist:
Was will ich wirklich?
Nicht selten erleben Menschen, die ernsthaft nach einer Antwort auf diese Frage suchen, zunächst ein Gefühl von Verunsicherung. Denn die Lebensweise, die sie über Jahrzehnte getragen hat, verliert ihre Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig tauchen weitere Fragen auf, die die persönliche Zukunft betreffen und die bisher im Alltag keine Rolle spielten.
Das tief im Menschen verwurzelte Bedürfnis nach Selbstverwirklichung wird immer präsenter und wir erreichen zur Lebensmitte einen Wendepunkt, welcher fälschlicherweise oft als „Midlife Crisis“ bezeichnet wird.
Es handelt sich jedoch nicht um eine Krise, sondern um den Beginn einer tiefgreifenden inneren Neuausrichtung, die ganz natürlich und normal ist. Der innere Wesenskern tritt in Erscheinung und mit ihm das Bedürfnis, die verbleibende Lebenszeit bewusst zu nutzen, und sich selbst zu verwirklichen.

Unser Ego und die Aufbauphase
Um uns in der Welt zurechtzufinden, Beziehungen einzugehen und unsere Aufgaben im Leben zu erfüllen, entwickeln wir bereits früh ein Ich-Bewusstsein – unser Ego – das uns Sicherheit und Orientierung gibt. Dieses Ego oder „falsche Selbst“ ist nichts Krankhaftes oder Negatives. Im Gegenteil: Es hilft uns, unseren Platz in der Welt zu finden, Verantwortung zu übernehmen und unsere persönlichen Ziele zu verfolgen.
Das zentrale Thema des Ego ist das Haben bzw. „Habenwollen“. Deshalb ist die erste Lebenshälfte in vielen Bereichen von dem Verlangen nach Besitz geprägt. Wir bauen uns unser Leben auf, entwickeln uns beruflich weiter, gründen eine Familie, streben nach Wohlstand und finanzieller Sicherheit, nach Anerkennung und gesellschaftlichem Status.
Das eigene Selbstbild verbindet sich dabei zunehmend mit dem, was wir erreicht haben, was wir besitzen und welche Rollen wir im Leben einnehmen. Bei den meisten Menschen entsteht daraus die Überzeugung, jemand zu sein, weil wir etwas haben oder darstellen – Beruf, Familie und Besitz werden zu wichtigen Bestandteilen unserer Identität. Sie vermitteln Stabilität und geben unserem Leben Struktur.
Und tatsächlich erfüllt das Ego in dieser Lebensphase eine wichtige Aufgabe. Es hilft uns, uns zu behaupten die Anforderungen des modernen Lebens zu bewältigen. Ohne diese Ich-Struktur wäre ein geordnetes Leben kaum mehr möglich.
Doch die Welt des Habens besitzt eine natürliche psychologische Grenze. Denn so wichtig Besitz, Erfolg und Anerkennung auch sein mögen – sie beantworten letztlich nicht die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens.
Und diese Grenze spüren viele Menschen zum ersten Mal, wenn sie das Alter von 40 Jahren überschritten haben. Die innere Ausrichtung beginnt sich zu verändern und die bisher so wichtige Frage „Was habe ich erreicht?“ verliert an Bedeutung. Neue Fragen tauchen auf, die den Übergang von der Welt des Habens zur Welt des Seins markieren:
- Wer oder was bin ich eigentlich?
- Was sind meine unerfüllten Träume?
- Was gibt meinem Leben Sinn und wie kann ich mich selbst verwirklichen?
Der Mensch beginnt spätestens zur Lebensmitte zu spüren, dass hinter den Rollen, die er ausfüllt – hinter seinen beruflichen oder finanziellen Erfolgen und hinter seinem gesellschaftlichen Status – noch etwas anderes existiert: ein innerer Wesenskern, der sich nicht über Besitz oder Anerkennung definiert und der nun stärker nach Selbstverwirklichung und Ausdruck strebt.
Das Ego – unser falsches Selbst – war deshalb kein Fehler! Es ist ein notwendiger Begleiter der ersten Lebenshälfte. Doch mit zunehmender Reife verliert das Ego langsam seine Vorrangstellung. Der Wesenskern des Menschen – das wahre Selbst – tritt immer deutlicher ins Bewusstsein und eröffnet neue Fragen nach Sinn, Ausdruck und Selbstverwirklichung.

Wenn die Masken brüchig werden
Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung beschrieb einen wichtigen Aspekt in der menschlichen Entwicklung mit dem Begriff der „Persona“. Mit Persona bezeichnete er jene Rollen und Masken, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln, um unseren Platz in der Welt zu finden.
Diese Persona ist im Prinzip nichts Schlechtes, denn sie erfüllt eine wichtige Aufgabe: Sie hilft uns durch die Anpassung an unsere Umgebung, in Familie, Beruf und Gesellschaft zu bestehen.
So werden wir im Laufe der Jahre zu Vätern oder Müttern, zu Unternehmern, Führungskräften, Ärzten, Handwerkern oder Experten auf unserem Gebiet. Wir identifizieren uns mit unseren Aufgaben und Rollen und gewinnen daraus Orientierung und Stabilität. Unsere Persona ermöglicht es uns, den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden.
Doch wie schon das Ego erfüllt auch die Persona ihre wichtigste Aufgabe vor allem in der ersten Lebenshälfte. Und mit zunehmender Reife beginnt sich die innere Ausrichtung des Menschen langsam zu verändern. Die Rollen, die uns lange durch unser Leben getragen haben, verlieren langsam ihre Selbstverständlichkeit und ihre frühere Anziehungskraft. Die Persona wird gewissermaßen durchlässiger und ihre Masken beginnen brüchig zu werden.
Nicht selten erleben Menschen diesen Reifeprozess zunächst als Verunsicherung. Und wenn die bisherigen Rollen an Bedeutung verlieren, entstehen Fragen, die bisher eher keine Rolle spielten:
- Bin ich wirklich nur mein Beruf?
- Bin ich nur Vater, Mutter, Unternehmer oder Führungskraft?
- Bin ich lediglich das Bild, das andere von mir haben?
- Und wer bleibt eigentlich übrig, wenn ich alle Rollen ablege?
Gerade diese Fragen werden häufig als Anzeichen einer Midlife Crisis oder Sinnkrise missverstanden., denn aus psychologischer Sicht handelt es sich hier um einen natürlichen Reifungsprozess.
Die bisherigen Rollen verlieren nicht deshalb an Bedeutung, weil sie falsch gewesen wären, sondern weil sie allein nicht mehr ausreichen, um dem Leben Sinn und Orientierung zu geben. Hinter der Persona und hinter den Rollen, die wir ausfüllen, wird langsam etwas sichtbar, das Carl Gustav Jung als den inneren Wesenskern oder „das wahre Selbst“ beschrieb. Und möglicherweise geht es in der zweiten Lebenshälfte nicht darum, neue Rollen anzunehmen, sondern darin, nach und nach die alten Masken loszulassen, die nicht mehr zu uns gehören – damit der Mensch sichtbar werden kann, der wir im Innersten schon immer waren.

Das wahre Selbst tritt hervor
Wenn die Bedeutung von Erfolg, Besitz und gesellschaftlichem Status langsam abnimmt und somit die alten Rollen ihre Selbstverständlichkeit verlieren, kann es durchaus zu einer Phase der Verunsicherung kommen, die sich über mehrere Monate oder sogar einige Jahre hinziehen kann. Sie dauert umso länger an, je mehr wir uns an unsere alten Rollen klammern.
Erst wenn wir bereit sind, unseren Fokus auf unser inneres Wesen – auf den, der wir schon immer sind – auszurichten, tritt das wahre Selbst hervor und wir finden neue Perspektiven für unsere Zukunft und für unser Leben. Die zentrale Fragen, die uns nun weiterbringen lauten:
- Was will ich wirklich? Und:
- Wie kann ich mich selbst verwirklichen?
Viele Menschen, die diesen inneren Paradigmenwechsel vollzogen haben, bemerken nun zum ersten Mal, dass hinter ihrer Persönlichkeit, ihren Rollen und ihren Erfolgen in der Außenwelt noch eine tiefere Wirklichkeit existiert. Carl Gustav Jung sprach in diesem Zusammenhang vom SELBST – dem inneren Wesenskern des Menschen. Dieser Wesenskern definiert sich nicht über Besitz, Leistung oder gesellschaftliche Anerkennung, sondern über unsere natürlichen (angeborenen) Eigenschaften, Wesensarten und Begabungen. Er war somit bereits vorhanden, bevor wir unsere Rollen übernommen haben.
Mit zunehmender Reife tritt dieses wahre Selbst immer stärker in das Bewusstsein. Und damit beginnt der eigentliche Weg der Selbstverwirklichung. Selbstverwirklichung bedeutet jedoch nicht, jemand anderes zu werden oder ein neues, verbessertes Bild von sich selbst zu erschaffen.
Es geht nicht darum, noch erfolgreicher, noch leistungsfähiger oder noch außergewöhnlicher zu werden. Vielmehr beginnt ein Prozess, in dem wir Schicht für Schicht entdecken und freisetzen, was bereits in uns angelegt ist.
Eigenschaften, Talente, Interessen und Sehnsüchte, die lange Zeit im Hintergrund standen, drängen nun stärker nach Ausdruck. Viele Menschen stellen plötzlich fest, dass sie sich über Jahrzehnte an äußeren Erwartungen orientiert haben und dass ihre eigentlichen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Träume viel zu wenig Raum bekommen haben.
Deshalb macht es Sinn, der Frage „Was will ich wirklich?“ eine weitere richtungsweisende Frage hinzuzufügen. Diese Frage lautet: „Was entspricht meinem individuellen Wesen?“. Sich selbst verwirklichen bedeutet, das sichtbar werden zu lassen, was im eigenen Wesenskern bereits angelegt ist und was nun nach Ausdruck, Sinn und Verwirklichung strebt.

Drei Fragen auf dem Weg zu sich selbst
Selbstverwirklichung beginnt mit Selbsterkenntnis. Doch wer sich selbst besser kennenlernen möchte, stößt schnell auf eine Schwierigkeit: Viele Gedanken über sich selbst und das eigene Leben berühren nicht unseren Wesenskern, sondern lediglich die Rollen und Masken, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben. Gerade deshalb ist es wichtig, nicht vorschnell Antworten zu geben, sondern sich Zeit für Stille und Selbstbeobachtung zu nehmen.
Regelmäßige Zeiten der Stille können dabei eine wertvolle Hilfe sein. Manche Menschen finden über Spaziergänge, andere über Meditation oder bewusstes Alleinsein einen Zugang zu sich selbst. Erst wenn der Lärm des Alltags leiser wird, entsteht Raum für die Wahrnehmung dessen, was im Inneren schon lange vorhanden ist.
Auf dem Weg zu sich selbst können drei einfache Fragen helfen.
1 | Bin ich eher introvertiert oder extrovertiert?
Manche Menschen sind stärker nach innen orientiert. Sie gewinnen ihre Kraft aus der Ruhe, dem Nachdenken und dem Rückzug. Andere richten ihre Aufmerksamkeit stärker nach außen und erleben Begegnungen, Gespräche und Aktivitäten als belebend und inspirierend.
2 | Bin ich eher sachlich oder emotional orientiert?
Manche Menschen interessieren sich besonders für Informationen, Zusammenhänge und Fakten. Andere nehmen stärker die Bedürfnisse und Gefühle von Menschen wahr und gestalten Beziehungen mit großer Sensibilität.
Aus der Kombination dieser Eigenschaften ergeben sich vier grundlegende Wesensrichtungen:
- Introvertiert und sachlich: der Beobachter – ein Denker und häufig ein Experte auf seinem Fachgebiet.
- Extrovertiert und sachlich: der Direktor – oft mit natürlicher Autorität und Entscheidungsstärke ausgestattet.
- Extrovertiert und emotional: der Entertainer – kommunikativ, begeisterungsfähig und angenehm im Umgang mit anderen Menschen.
- Introvertiert und emotional: der Unterstützer – mit viel Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft.
Diese Einteilung beschreibt jedoch zunächst nur Tendenzen. Sie darf nicht mit unserem Wesenskern verwechselt werden. Nicht selten spiegeln solche Beschreibungen auch Rollen und Anpassungen wider, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben. Deshalb führt Selbsterkenntnis immer tiefer als jede Typologie.
3 | Was macht mir wirklich Freude?
Vielleicht ist dies die wichtigste Frage überhaupt. Denn bei dieser Frage geht es nicht darum, was Geld bringt, Anerkennung verschafft oder den Erwartungen anderer entspricht. Vielmehr geht es darum, was uns lebendig macht:
- Wobei vergesse ich die Zeit?
- Welche Tätigkeiten geben mir Energie?
- Was tue ich gern, auch wenn niemand zuschaut?
- Was hat mich schon als Kind begeistert?
Vielleicht kann Sie hier eine der wesentlichen Erkenntnisse meines eigenen Lebens inspirieren: Wo unsere Freude liegt, da ist oft auch unser Weg.
Selbstverwirklichung bedeutet also nicht, anders zu werden als bisher. Sie beginnt dort, wo wir lernen, auf unsere innere Stimme zu hören und dem Ausdruck zu geben, was in unserem Wesenskern bereits angelegt ist. Und vielleicht besteht eine der größten Aufgaben des menschlichen Lebens darin, wiederzuentdecken, wer wir im Innersten schon immer waren.

Was will ich wirklich?
Die Frage „Was will ich wirklich?“ gehört zu den wichtigsten Fragen zu Beginn der zweiten Lebenshälfte. Und gleichzeitig ist sie eine der schwierigsten. Denn viele Menschen haben über Jahrzehnte hinweg gelernt, sich an Erwartungen, an ihren eigenen Rollen und an als allgemein wichtig erachteten äußeren Zielen zu orientieren. Sie haben Verantwortung übernommen, sich etwas aufgebaut und ihren Platz in der Welt gefunden.
Doch zur Lebensmitte verändert sich – auf ganz natürliche Art und Weise – die Perspektive. Die Fragen, die nun auf unsere Antwort warten, lautet nun nicht mehr:
- Was erwarten andere von mir?
- Wie kann ich noch erfolgreicher werden?
- Wie kann ich mehr Geld verdienen?
Sondern:
- Wer oder was bin ich?
- Was entspricht meinem Wesen?
- Was möchte ich in meinem Leben noch verwirklichen?
- Welche meiner Eigenschaften, Talente und Sehnsüchte streben noch nach Ausdruck?
- Und wie kann ich die verbleibende Lebenszeit so gestalten, dass sie für mich Sinn ergibt?
Die Antworten auf diese oder ähnliche Fragen kommen selten plötzlich. Sie steigen meist langsam in uns auf, als Folge eines stillen Prozesses des Erkennens. Schicht für Schicht verlieren unsere alte Rollen, unsere Erwartungen und Vorstellungen ihre Bedeutung und wir beginnen zu erahnen, wer wir wirklich sind.
Selbstverwirklichung bedeutet aus meiner Perspektive, immer mehr der Mensch zu werden, der wir in unserem Wesenskern schon immer waren.

Beitragsbild von „Canva“
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